spanische Sprache


spanische Sprache
spanische Sprache,
 
kastilische Sprache, eine der romanischen Sprachen. Sie bildet mit dem Portugiesischen (portugiesische Sprache), dem Galicischen (galicische Sprache und Literatur) und dem Katalanischen (katalanische Sprache und Literatur) das Iberoromanische. Das Spanische wird als Mutter- und Zweitsprache im gesamten spanischen Staatsgebiet und im Bereich des ehemaligen spanischen Kolonialreichs, insbesondere in Südamerika (außer Brasilien und Guayana), Mittelamerika mit Mexiko und in den angrenzenden Teilen der USA (Chicanos) sowie teilweise noch auf den Philippinen und als Judenspanisch (»sefardí«) in Israel, der Türkei, Frankreich und Amerika gesprochen. Mit insgesamt rd. 300 Mio. Sprechern ist das Spanische nach dem Chinesischen und dem Englischen die dritthäufigste Sprache der Welt. Nach der spanischen Verfassung von 1978 ist das Kastilische (rd. 30 Mio. Muttersprachler) die offizielle Sprache (Amtssprache) in ganz Spanien.
 
Geschichtliche Entwicklung, Dialekte:
 
Die spanische Schriftsprache ist aus dem Dialekt Kastiliens hervorgegangen, daher die in Lateinamerika, neuerdings auch in Spanien selbst bevorzugte, politisch neutrale Bezeichnung des Spanischen als Kastilisch (»castellano«). Vom Kastilischen leitet westlich das Asturisch-Leonesische zum Galicisch-Portugiesischen, östlich das Aragonesische zum Katalanischen über. Seine Sonderstellung gegenüber den anderen, gleichfalls im Zuge der Romanisierung (seit 218 v. Chr.) entstandenen spanischen (Primär-)Dialekten erlangte das Kastilische im Verlauf der Reconquista. Mit der rasch zunehmenden Vormachtstellung des Königreichs Kastilien gelangte dessen Sprache, sich fächerförmig ausweitend, nach Süden und drängte die anderen Dialekte sowie das Katalanische in die peripheren Gebiete der Halbinsel. Im gesamten rückeroberten Spanien trat das Kastilische an die Stelle der mozarabischen Dialekte (Mozarabisch), die von den spanischen Christen in den arabisch besetzten Gebieten gesprochen worden waren und von denen nur wenige sprachliche Zeugnisse erhalten sind. Das in den Süden getragene Kastilische bildete dort Sekundärdialekte aus (Riojanisch, Murcianisch, Andalusisch, Estremenisch und Kanarisch). Im Gegensatz zu den anderen romanischen Ländern ist damit die dialektale Gliederung zumindest des südlichen Spanischen weniger durch die Romanisierung als durch die Reconquista geprägt. Vorromanische Substrate (Iberisch, Keltisch) und Adstrate (Baskisch) sowie das germanische Superstrat (Westgotisch) spielen nur eine geringe Rolle gegenüber dem Arabischen, das das Spanische v. a. im Bereich der Lexik entschieden geprägt hat. Arabischen Ursprungs sind im Gegenwartsspanischen noch 800-1 000 Wörter, häufig mit dem anlautenden arabischen Artikel a(l)- (z. B. azúcar »Zucker«, almacén »Magazin«, »Lager«), sowie 3 000 Orts- und Gewässernamen (z. B. Medina, Alcántara, Guadalquivir, Guadiana).
 
Erste Zeugnisse des Spanischen sind Glossen aus dem 10. und 11. Jahrhundert, früheste literarische Denkmäler die Jarchas. Als Literatursprache errang das Kastilische gegenüber dem Leonesischen und Galicischen, das zunächst auch in Kastilien als Sprache der Lyrik verwendet wurde, rasch eine Vorrangstellung. Unter Alfons X., dem Weisen, der umfangreiche historische, juristische und naturwissenschaftliche Texte (zum großen Teil Übersetzungen arabischer Vorlagen) anfertigen ließ, erlangte das Spanische in der Prosa bereits vielfach eine Gleichstellung mit dem Lateinischen. Mit der Vereinigung der Königreiche Kastilien und Aragón (1479) wurde das Kastilische endgültig zur Schriftsprache des Königreichs Spanien. 1492 veröffentlichte der Humanist E. A. de Nebrija mit seiner »Gramatica. .. sobre la lengua castellana« die erste systematische Grammatik einer romanischen Volkssprache. Mit dem Abschluss eines Wandels im System der Sibilanten (Reduktion auf die drei Phoneme [θ], [s] und [x]) erlangte das Spanische um 1550 seine heutige lautliche Form. Zum Zweck der Sprachpflege und der Normierung des Spanischen wurde 1713 die »Real Academia Española« (RAE) gegründet, die 1726-39 ein erstes Wörterbuch (»Diccionario de la lengua castellana...«, 6 Bände, mit 40 000 Einträgen) und 1771 eine Grammatik (»Gramática de la lengua castellana«) herausgab. Die spanische Orthographie wurde 1815 in ihren wesentlichen, noch heute gültigen Charakteristika fixiert.
 
Im Zuge der Entdeckung Amerikas (1492), seiner Eroberung und Missionierung gelangte durch die Spanier das Kastilische in die Neue Welt. Das Hispanoamerikanische stellt eine eigene, trotz der Größe des Verbreitungsgebietes relativ homogene Varietät des Spanischen dar; es ist vom südlichen Spanisch, besonders dem Andalusischen, geprägt und zeigt v. a. lexikalische Einflüsse der jeweiligen indianischen Sprachen.
 
Innerhalb der grundsätzlichen Einheit des Spanischen als Weltsprache zeichnen sich deutlich zwei Normen - eine kastilische und eine lateinamerikanische - ab, wobei die europäische Norm das höhere Prestige besitzt. Im Bereich der Sprachpflege arbeiten die lateinamerikanischen Akademien mit der »Real Academia Española« eng zusammen.
 
Eine archaische Elemente bewahrende Varietät des Spanischen ist das Judenspanisch (Ladino), das die Juden seit ihrer Vertreibung aus Spanien (1492), v. a. in Oberitalien und auf dem Balkan, weiterhin gebraucht haben. Als Folge der weitgehenden Vernichtung der balkanischen Juden im Zweiten Weltkrieg ist die Sprecherzahl auch in den früheren Zentren stark zurückgegangen.
 
Das heutige Spanisch hat im Vergleich zum Französischen oder Deutschen ein recht reduziertes Lautsystem von 19 konsonantischen und nur fünf vokalischen Phonemen, die je nach lautlicher Umgebung eine geöffnetere oder geschlossenere Variante zeigen. Vokallängen und -kürzen kennt das Spanische nicht. Das Schriftbild kommt der phonologischen Realität sehr nahe. Charakteristisch im Lautsystem sind für das Spanische die Diphthongierung von lateinisch betontem offenem e und o (z. B. septem wird zu siete, porta wird zu puerta), der Wandel von anlautendem f- zu h- (filio wird zu hijo) und von anlautendem cl-, fl- und pl- zu ll [ʎ] (clamare wird zu llamar, flamma wird zu llama, plorare wird zu llorar); ferner die Phoneme [θ] (im Andalusischen und Lateinamerikanischen realisiert als [s]; »seseo«) und die Palatale [ʎ] (in weiten Gebieten Spaniens und fast überall in Lateinamerika [j]; »yeísmo«), ñ [ɲ] sowie die Aussprache des anlautenden v- als b- (vino [bino]). Besondere morphosyntaktische Kennzeichen sind die Bildung des persönlichen Akkusativs mit der Präposition a (veo a la muchacha »ich sehe das Mädchen«) und die Unterscheidung zwischen »ser« und »estar« in der Bedeutung von »sein«, »sich befinden«.
 
 
Allgemeines:
 
W. Dietrich u. H. Geckeler: Einf. in die span. Sprachwiss. (21993);
 H. Berschin u. a.: Die s. S. (21995).
 
Wörterbücher:
 
M. Moliner: Diccionario de uso del español, 2 Bde. (Madrid 1966-67, Nachdr. ebd. 1994);
 
Diccionario de la lengua española, hg. v. der Real Academia Española, 2 Bde. (ebd. 201984);
 
J. Corominas u. a.: Diccionario crítico etimológico castellano e hispánico, 6 Bde. (ebd. 2-31986-89);
 
R. J. Slabý u. R. Grossmann: Wb. der span. u. dt. Sprache, 2 Bde. (5-81989-90);
 
Langenscheidts Hwb. Span., bearb. v. Heinz Müller u. a., 2 Tle. (9-111996).
 
Wissenschaftliche Grammatiken:
 
Esbozo de una nueva gramática de la lengua española, hg. v. der Real Academia Española, Comisión de Gramática (Madrid 1973);
 
N. Cartagena u. H.-M. Gauger: Vergleichende Gramm. Spanisch-Dt., 2 Bde. (1989);
 
J. de Bruyne: Span. Grammatik (a. d. Fläm., 1993).
 
Sprachgeschichte und Dialektologie:
 
K. Baldinger: Die Herausbildung der Sprachräume auf der Pyrenäenhalbinsel (Berlin-Ost 1958);
 
Die sprach- u. literarhistor. Entwicklung des Span., hg. v. A. Gómez-Moriana (1973);
 
A. Zamora Vicente: Dialectología española (Neuausg. Madrid 1979);
 
R. Lapesa: Historia de la lengua española (ebd. 91988);
 
A. Tovar: Einf. in die Sprachgesch. der Iber. Halbinsel (a. d. Span., 31989);
 
J. Brumme: S. S. im 19. Jh. (1997).
 
 
A. Quilis u. J. A. Fernández: Curso de fonética y fonología españolas para estudiantes angloamericanos (Madrid 101982);
 
T. Navarro Tomás: Manual de pronunciación española (ebd. 251991).
 
Lateinamerikanisches Spanisch:
 
H. D. Paufler: Lateinamerikan. Spanisch. Phonetisch-phonolog. u. morphologisch-syntakt. Fragen (Leipzig 1977);
 
H. Kubarth: Das lateinamerikan. Spanisch. Ein Panorama (1987).

Universal-Lexikon. 2012.

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